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Nähe bedeutet auch: streiten zu können




Warum echte Verbindung nicht ohne Konflikte funktioniert


Wir alle wünschen uns eine Beziehung, in der wir uns gesehen, verstanden und geliebt fühlen. Nähe, Sicherheit, Zärtlichkeit, gemeinsame Momente – das klingt erstmal nach Harmonie und Leichtigkeit.

Was aber oft vergessen wird: Nähe bedeutet auch, sich zu zeigen. Mit den eigenen Wünschen. Mit den eigenen Grenzen. Mit der eigenen Verletzlichkeit. Und genau an diesem Punkt wird’s für viele Paare schwierig.


Warum Konflikte dazugehören – und sogar gesund sind

In meiner Praxis erlebe ich es immer wieder: Paare kommen, weil sie „ständig streiten“ oder „endlich aufhören wollen, sich zu verletzen“. Der Wunsch nach Frieden ist groß. Und ich verstehe das – niemand will sich ständig reiben. Niemand möchte verletzt werden oder verletzen. Aber: Kein Streit ist auch keine Lösung.

Denn Streit bedeutet nicht automatisch dass die Beziehung nicht gut ist. Streit bedeutet erstmal nur: Da will sich jemand zeigen. Da meldet sich ein Bedürfnis. Da gibt es etwas, das Raum braucht. Und wenn wir diesen Raum immer vermeiden – aus Angst, aus Unsicherheit, aus alten Prägungen –, dann zahlen wir dafür einen hohen Preis.

Die Energie, die eigentlich in die Beziehung fließen könnte, staut sich. Wir sagen nicht mehr, was uns stört. Und wenn wir lange genug schweigen, wird das Schweigen selbst zur Mauer. Nähe wird dann nicht weniger, sie wird gefährlich. Und der Rückzug beginnt.


Nähe kann triggern

Was uns dabei oft nicht bewusst ist: Nähe selbst kann ein Trigger sein. Gerade dann, wenn wir gelernt haben, dass Nähe uns verletzlich macht. Gerade in der frühen Sozialisation von Männern ist das oft ein riesiges Thema – weil Nähe in vielen Fällen mit Scham, mit innerer Überforderung, mit „nicht genügen“ verknüpft ist. Die Forschung zeigt aber: Männer wirken im Streit oft ruhig – aber innerlich sind sie häufig stärker im Stress als Frauen. Mehr Puls, mehr Cortisol, mehr innerer Alarm.

Das bedeutet: Viele Männer ziehen sich nicht zurück, weil sie zu wenig fühlen, sondern weil sie zu viel fühlen – beziehungsweise nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.


Und gleichzeitig stehen Frauen oft auf der anderen Seite: Sie wollen mehr Nähe, wissen aber nicht, wie sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können, ohne als „nörgelig“, „fordernd“ oder „zu viel“ zu gelten. Also schlucken sie oft herunter, werden wütend. Oder überfunktionieren. Und irgendwann – explodieren sie.

Das ist der Moment, in dem Paare zu mir kommen und sagen: „Wir lieben uns ja – aber irgendwie funktioniert es nicht mehr.“


Der Unterschied zwischen Wutanfall und Grenze

Und genau hier wird’s spannend. Denn: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen richtig wütend werden – also Dampf ablassen – und dem Ziehen einer klaren Grenze.

Viele Paare haben gelernt, Streit auszusitzen. Abzuwarten, bis der Sturm vorüber ist. Und dann so weiterzumachen wie vorher. Doch genau das ist der Punkt, an dem sich nichts verändert. Und an dem sich die Enttäuschung festsetzt.


Echte Verbindung braucht etwas anderes: Sie braucht die Fähigkeit, sich zu zeigen, ohne den anderen zu vernichten. Sie braucht das ehrliche Gespräch trotz Angst vor Ablehnung. Und sie braucht den Mut, Dinge anzusprechen – mit Respekt, mit Klarheit, mit Mitgefühl.


Einer meiner Lieblingssätze – auch aus der EFT – ist:„Du kannst eine Beziehung nur lebendig halten, wenn du sie ab und zu testest.“

Das heißt nicht, sie zu provozieren. Es heißt: dich zeigen, ehrlich sein, etwas riskieren. Es heißt: Vertrauen, dass Nähe auch dann halten kann, wenn es mal knallt.


Warum Streit oft nur ein alter Schmerz ist

Was wir in der Paartherapie immer wieder beobachten: Hinter den meisten Konflikten steckt keine Bösartigkeit. Sondern Schmerz. Scham. Ohnmacht. Oder das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Wir haben häufig keine Sprache für diesen inneren Schmerz. Statt zu sagen „Ich fühle mich nicht genug“ oder „Ich habe Angst, dich zu verlieren“, reagieren wir mit Kontrolle. Mit Rückzug. Mit Wut.

Und sogar wenn wir es spüren können, finden wir keinen Weg, es anzusprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass der andere zumacht. Also werden wir vorsichtig, vage oder wir explodieren irgendwann – wenn die Enttäuschung zu groß wird.


Das Dilemma: Beide Partner meinen es gut. Beide wollen Nähe. Und beide verlieren sich auf dem Weg dahin.


Was wir tun können – als Paar, als Gesellschaft

Ich glaube: Wir brauchen ein neues Verständnis von Nähe. Eines, das Konflikte mit einschließt. Eines, das weiß: Ein gutes Gespräch fühlt sich nicht immer gut an – aber es bringt uns näher. Wir brauchen die Erlaubnis, unbequem zu sein. Verletzlich. Nicht perfekt.


Und wir brauchen Werkzeuge, um das auch wirklich zu leben.

Denn Nähe bedeutet nicht nur: ich mag dich. Nähe bedeutet: ich zeige mich.


Auch mit dem, was schwer ist. Und ich halte dich aus, wenn du dich zeigst.


Was ich mir wünsche: Dass wir wieder lernen, wie Nähe geht. Dass wir wieder lernen, zu streiten – nicht gegeneinander, sondern füreinander. Dass wir uns trauen, Konflikte als das zu sehen, was sie sind: eine Einladung zu echter Verbindung.


Kleine Übung für dich und euch als Paar

Vielleicht gibt es ein Thema, das du bisher vermieden hast. Vielleicht gibt es einen Wunsch, den du zurückgehalten hast. Nimm dir heute einen Moment und frage dich:

  • Was würde ich meinem Partner gerne sagen, wenn ich keine Angst vor Ablehnung hätte?

  • Was ist mein Bedürfnis hinter meinem Ärger?

  • Kann ich das sagen, ohne anzugreifen?


Und dann: Suche dir einen ruhigen Moment. Sprich aus dem Herzen. Du musst nicht alles sofort perfekt machen. Aber du darfst anfangen. Und wenn ihr merkt, ihr kommt allein nicht weiter – dann bin ich gerne für euch da.


🌀 Schreib mir gerne für ein kostenloses Erstgespräch: info@sina-moesch.de

 
 
 

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